Wozu Mut?

Marina Weisband: "Gesellschaft bedeutet letzten Endes: Wir teilen uns unsere Probleme und lösen sie gemeinsam." (Foto: Tobias M. Eckrich)

Für COURAGE MAGAZIN schreibt Marina Weisband über gesellschaftliche Normen, Zivilcourage und politische Lösungen.

Von Marina WEISBAND

Brauchen wir Mut eigentlich wirklich? Unsere gesellschaftlichen Normen halten uns in der Bahn und bringen uns im Leben vorwärts, ein finanzielles Auskommen ist in Deutschland beinahe jedem garantiert, wir funktionieren als Gesellschaft zwar mit Fehlern, doch im Großen und Ganzen läuft es. Keinen Mut zu besitzen, bedeutet, nicht mehr oder weniger zu tun, als alle anderen auch. Es bedeutet, Teil einer Masse zu sein, die mit vorsichtigen Schritten in die Zukunft geht.

Oberflächlich könnte man meinen, dass damit alles abgedeckt ist.

Doch wenn das System an einer Stelle nicht funktioniert, wenn es einen Engpass gibt, ein Problem, eine soziale Ungerechtigkeit, können wir innerhalb der Norm nicht vorwärts kommen. An dieser Stelle entscheidet sich ein Mensch oder eine Gruppe von Menschen, anders zu handeln, als das System es vorsieht. Ob es die Eröffnung einer eigenen Firma ist, Hilfe für Mitmenschen unter eigenem Risiko oder das laute Aussprechen von Missständen. Alle Handlungen, die außerhalb der eigenen oder der gesellschaftlichen Norm stehen, gehen mit Bedrohung einher.  Wenn ich mich anders kleide, könnte ich gesellschaftliche Missbilligung erfahren. Wenn ich einen Berg besteige, könnte ich dabei sterben. Wann immer ich meinen Erfahrungshorizont (oder den meiner Gesellschaft) verlasse, habe ich mehr oder weniger berechtigte Angst. Normalerweise bezeichnen wir die Überwindung dieser Angst als Mut. Es gibt Menschen, die sagen, wer mutig ist, hat keine Angst. Ich nehme an, dass diese Menschen nie mutig waren. Je mehr Angst man hat, desto mutiger ist man, wenn man eben dennoch handelt.

Was bewegt uns, absichtlich Dinge zu tun, die für uns mit Verlust enden könnten? In einigen Fällen ist es einfach der Trieb, sich zu entfalten und seine Grenzen auszutesten. Hierunter fallen beispielsweise Extremsportarten und manchmal eine gewisse Kleiderauswahl, die man als mutig bezeichnen kann. In einigen Fällen treibt uns eine Not in eine solche Situation. So könnte man gezwungen sein, seinen Job zu wechseln oder sich selbstständig zu machen, oder in ein anderes Land zu migrieren. Sich für eine Operation entscheiden, den Partner verlassen. Diese Handlungen sind alle mit großen Risiken behaftet, verbessern bei Gelingen die eigene Situation aber.

Die dritte Art von Mut ist die höchste; es ist der Mut, den wir zeigen, wenn es für uns selbst überhaupt nicht notwendig ist. Wenn es mir also gut geht, jemandem neben mir aber nicht, und ich Risiken eingehe, um ihm zu helfen. Menschen, die für die Rechte anderer Menschen kämpfen, gehören dazu. Wohlgenährte Westeuropäer, die freiwillig Entwicklungshilfe im Ausland leisten. Menschen, die ihren Freunden oder Fremden durch schwierige Lebenssituationen helfen. Ich bezeichne diesen Mut als den höchsten, weil er eigentlich aus zwei mutigen Schritten besteht. Der erste davon ist, ein Problem, das nicht das eigene ist, zum eigenen Problem zu machen. Der zweite, es unter eigenen Risiken zu lösen. Wir haben einen eigenen Namen für diesen Mut; wir nennen ihn Zivilcourage.

Kann eine Gesellschaft ohne Zivilcourage überleben? Wir haben es natürlich noch nicht ausprobiert, aber ich würde es bezweifeln. Es gibt immer wieder einzelne Menschen oder Gruppen, die in Bedrängnis geraten. Man könnte sie zurück lassen, doch in jedem Menschen wohnt ungeheures Potential, das man verschwenden würde. Und das ist bloß zynisch-wirtschaftlich gedacht, ohne die mutigste aller Erfindungen – die Moral. Denn wir haben jedes Menschenleben für unermesslich wertvoll erklärt. Ließen wir dennoch eine Gruppe zurück – dann eine zweite und eine dritte – bliebe schließlich niemand, der uns selbst in Zeiten der Not retten könnte. Und obwohl diese Überlegungen so einfach und offensichtlich erscheinen, haben Menschen, die anderen Menschen helfen, mit großen Widerständen zu kämpfen. Es sind nicht zuletzt Vorurteile und Spott von Menschen, die natürlich auch damit einverstanden sind, dass man anderen helfen muss, es bloß de facto nicht tun würden.

Aber können überhaupt alle in gleichem Maße mutig sein? Mut ist das Ergebnis von angeborenen und anerzogenen Charaktereigenschaften, sowie der äußeren Umstände. Im Kopf rechnen wir beständig, führen hohe Mathematik aus, vergleichen Einsatz mit Gewinn. Manche sind eher ängstlich und setzen wenig ein, weil sie gelernt haben, dass man eher verliert. Manche haben gelernt, dass man eher gewinnt, und setzen viel ein. Manche setzen viel ein, weil das Gefühl, etwas Gutes getan zu haben, für sie ein hoher Gewinn ist.  Wer ein soziales Netz aus Freunden und Familie hat, fällt nicht so tief, wenn er alles verliert. Für ihn ist der Einsatz nicht so hoch. Wer allein ist und sich verletzlich fühlt, setzt eine hohe Summe, wenn er einem anderen hilft. Alle Faktoren in dieser Gleichung variieren von Mensch zu Mensch und lassen uns mutiger oder weniger mutig handeln. Nüchtern betrachtet, könnte man es mit einem Glücksspiel vergleichen. Wenn wir wollen, dass es in unserer Gesellschaft mehr mutige Menschen gibt, müssen wir die Einsätze senken und die Gewinne erhöhen. Wir müssen also versuchen, uns gegenseitig Sicherheit und Unterstützung zu geben. Wir müssen weniger angreifen und mehr loben. Wir müssen weniger auslachen und mehr helfen. Das sind enttäuschend einfache Feststellungen, aber es ist der einzige Weg.

Oft sehen wir Menschen, die keine Zivilcourage zeigen. Sie sind voll und ganz mit ihrem eigenen Leben beschäftigt und versuchen, ihre ,Schäfchen ins Trocken‘ zu bringen. Bei diesen Menschen müssen wir, ehe wir sie dafür verurteilen, zweimal hinsehen. Für jemanden, der arbeitet, aber nichts dafür bekommt, dessen Familie von Krankheiten oder Unglück geplagt ist, ist es manchmal schon Mut, von einem Tag in den nächsten zu kommen. Wenn Stress und Verlust sich häufen, hört das Weiterleben manchmal auf, Standard zu sein, und wird zur bewussten Entscheidung. Diese Entscheidung jeden Tag neu zu treffen, erfordert ungeheuren Mut. Man hat dann sozusagen keinen Mut mehr für andere übrig, weil man ihn selbst braucht. Diese Menschen kommen häufiger vor, als man oft denkt. Es ist an uns, ihren Mut zu bewundern, oder besser noch, ihre Probleme zum Teil auch zu unseren zu machen.

Gesellschaft bedeutet letzten Endes: Wir teilen uns unsere Probleme und lösen sie gemeinsam.

 

Marina Weisband: "Gesellschaft bedeutet letzten Endes: Wir teilen uns unsere Probleme und lösen sie gemeinsam." (Foto: Tobias M. Eckrich)
Marina Weisband: „Gesellschaft bedeutet letzten Endes: Wir teilen uns unsere Probleme und lösen sie gemeinsam.“ (Foto: Tobias M. Eckrich)

Über die Autorin:

Marina Weisband hat mit couragiertem Auftreten und frischen Ideen für Schlagzeilen gesorgt. Weisband war von Mai 2011 bis Ende April 2012 (ehrenamtliche) Politische Geschäftsführerin der PIRATENPARTEI Deutschland. 1987 in Kiew geboren, siedelte sie 1994 mit ihrer Familie nach Deutschland über. In Wuppertal absolvierte sie ihr Abitur, seit 2006 studiert Weisband in Münster Psychologie; derzeit arbeitet sie an ihrer Abschlussarbeit. Auf ihrer Website (www.marinaslied.de) präsentiert sie ihre Sicht der Dinge, auf dem Web-Portal der PIRATEN sowie über twitter und facebook kommuniziert sie ausführlich.

 

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